62/30-33
(Juni 1998)

Roland W.

ist Mister "Monja"

Von Walter Studer

Roland W. ist als Mister "Monja" in die deutsche Popgeschichte eingegangen. Die Nummer, deren Originalversion von der Gruppe "Cry'n Strings" stammt, erreichte in Deutschland, Österreich, Italien und der Schweiz Top Ten-Plätze. Roland W. war bis 1995 als Sänger und Disc-Jockey unterwegs. Eine Halsoperation setzte seiner Karriere ein Ende. Heute verdient er sich als Maler seinen Lebensunterhalt.

Das Lied "Monja" entwickelte sich im Winter 67/68 zur Megaschnulze der Saison. Es handelt sich um eine einfache, einschmeichelnde Melodie, garniert mit dem sehnsuchtsvollen Sprechgesang des Roland W. Ein Newcomer überrollte die Hitparade, ein Newcomer, dessen Identität immer etwas im Verborgenen blieb. Wohl auch deshalb, weil Roland W. mit seinen späteren Aufnahmen nie an seinen Anfangserfolg anschließen konnte.

Die Kurzgeschichte von "Monja"

Bevor die Biographie des Roland W. zur Sprache kommt, gilt es noch einiges vorauszuschicken über den Titel "Monja". Gerhard Jäger, der Leader der Gruppe "Cry'n Strings", hat das Lied 1962 geschrieben. 1966 nahm die Band den Titel in einem kleinen Studio auf und brachte ihn auf dem Label "Kerston" auf Platte heraus. Fred Kersten, der Besitzer des Labels, hat sich bei dem Deal einen Teil der Urheberrechte gesichert. Er wird noch heute neben Gerhard Jäger unter dem Pseudonym Dal Finado als Autor geführt.

Die "Cry'n Strings" ließen 1000 Singles pressen und konnten diese bei ihren Auftritten kaum verkaufen. Ein Jahr später nahm die Europawelle Saar das Lied ins Programm auf. Es plazierte sich in den Hitlisten des Senders. Im Oktober 1967 schaffte "Monja" den Sprung in die nationalen Charts. Ein Hit war geboren. Nur: Fred Kersten war mit seinem kleinen Label nicht in der Lage, die bestellten Singles auszuliefern.

Die Lieferschwierigkeiten von "Kerston" blieben der Konkurrenz nicht verborgen. Das war die Chance für Roland W. Er durfte für die Plattenfirma "Cornet" eine Coverversion aufnehmen, die schnell verfügbar war und von den Fans dankbar gekauft wurde.

Spurensuche im Fall Roland W

Roland W. -am 3. April 1941 in Stuttgart als Roland Wächtler (die Angabe "Wächter" in den gängigen Nachschlagewerken ist falsch) zur Welt gekommen- tut vieles, um die Spuren seiner Karriere zu verwischen. Als einigermaßen gesichert kann gelten, daß Roland Wächtler in Stuttgart (gemäß Wächtler im Waisenhaus) geboren wurde und in Bamberg zur Schule gegangen ist. Dort hat er offenbar das Gymnasium besucht. Nach seinen eigenen Angaben galt er als talentierter Zeichner und sollte eigentlich eine Ausbildung in Richtung Kunst durchlaufen. Die Eltern setzten aber ihren Berufswunsch durch: Roland sollte Ingenieur studieren. Deshalb absolvierte der junge Mann in Frankfurt ein Praktikum als Maurer. Roland W. spricht in einem Interview mit dem Schweizer Sender "Radio Munot" gar davon, daß er Maurer gelernt habe.

Später zog es ihn nach Berlin, wo er offenbar mit der Musikszene in Kontakt kam. Gemäß einer Biographie der BASF, für die er in den 70er Jahren Platten aufnahm, war Roland W. als trampender Bonvivant in Paris anzutreffen. Zitat: "Doch er legte bald alle schwäbische Strebsamkeit ab und wurde ein Bilderbuch-Eingeborener des Künstlerviertels Saint Germain. Malen, Bistros am Montparnasse, Diskussionen und Partys waren der eine Teil seines Lebens -der andere wurde bald sein Gesang. Er sang für jeden, der ihn hören wollte, sang in Deutsch und Französisch." Gemäß diesem Text und gemäß den Aussagen im Gespräch, das ich mit ihm geführt habe, trampte er durch Europa und bis nach Tanger. Nach Mitte der 60er Jahre tauchte er als Disc-Jockey in deutschen Unterhaltungslokalen auf. Vermutlich durch Bewerbungen fiel er Heinz Gietz auf, der ihn 1967 in einer Feuerwehrübung als Interpret für "Monja" ins Studio holte.

Was war mit "Cindy Jane"?

Eine vorsichtige Interpretation der Aussagen des Künstlers läßt die Vermutung aufkommen, daß Roland W. ohnehin vorgesehen war für eine Plattenaufnahme. Er spricht davon, daß das Lied "Cindy Jane" ihm auf den Leib geschrieben worden sei und eine Geschichte seines Lebens sei. Er sagt weiter, daß sich "Cindy Jane" vor "Monja" zum Hit entwickelt habe, was so nicht stimmt. Möglich ist aber tatsächlich, daß das Lied früher entstanden ist und von ihm bei seinen Disc-Jockey-Auftritten auch bereits ausprobiert wurde. Das Pseudonym Roland W. soll auf Anraten von Frank Elstner entstanden sein, der den Namen Wächtler für völlig ungeeignet hielt für eine Karriere im Musikgeschäft. Neben Roland W. gab und gibt es im deutschen Schaugeschäft übrigens auch einen Roland B., der unter seinem vollen Namen Roland Bausert jahrelang Mitglied der Flippers gewesen war. Außerdem veröffentlichte BASF zur gleichen Zeit als Roland W. Vertragskünstler der BASF war, Platten mit einem Roland. In den frühen 60er Jahren trat ein Eberhard Wächter als Sänger in Erscheinung. Beide -sowohl Roland als auch Eberhard Wächter- haben nichts mit Roland W. zu tun.

Dank der Nummer "Monja" strahlte Roland W. im Januar 1968 als neuer Komet am deutschen Pophimmel. Aus dem Nichts war ein junger Mann an die Spitzen der Charts katapultiert worden. In Deutschland kam der Titel bis auf Platz vier, in Österreich auf Platz drei und in der Schweiz gar auf Platz eins. Hier war er außerdem der erste Spitzenreiter der ersten offiziellen Hitparade des Schweizer Radios überhaupt. Der überragende Erfolg des Schlagers in der deutschsprachigen Welt führte zu zahlreichen Coverversionen im Ausland. Für Frankreich nahm Peter Holm, der spätere Lover der Sexmieze Joan Collins, eine französische Version auf, in Italien brachte die Gruppe "I Communicatives" den Song in die Charts.

Roland W. versuchte mit dem Nachzieher "My Maria" an den Erfolg von "Monja" anzuschließen. Im Studio unterstützte ihn hier die Gruppe "Jay Five" bei den Aufnahmen. Unter der Leitung von Heinz Gietz und Friedel Berlipp nahm er bis zwischen 1967 und 1971 ein gutes halbes Dutzend Singles sowie ein Album auf. Ab 1972 war er bei BASF unter Vertrag, die einen Teil der Cornet-Künstler auf ihrem neu geschaffenen Label übernahm. Außerdem erschien 1972 eine einzelne Single bei Columbia.

Ab Mitte der 70er Jahre ist die Plattenkarriere des Roland W. beendet. Er konnte nie mehr einen Erfolg wie "Monja" landen. Hingegen konnte er sich unter dem Namen "Mr. Monja" als Disc Jockey auch international gut vermarkten. In den 60er und frühen 70er Jahren galt Roland W. als einer der bestbezahlten Dee-Jays Deutschlands.

Ab Ende der 80er Jahre begann Roland W., der inzwischen zum zweiten Mal verheiratet war, zu malen. Bereits haben einige Ausstellungen mit seinen Werken stattgefunden. Mitte der 90er Jahre erkrankte der Künstler an einem Halskrebs. Roland W. glaubt nicht mehr daran, daß er als Sänger und Entertainer wird aktiv sein können. Er hat sich darauf eingerichtet, den Lebensunterhalt als Maler zu verdienen.

Discographie

Zusammengestellt von Peter Anneler und Walter Studer

Singles

Label Nummer Jahr Titel
Cornet 3025 (1967) Monja / Cindy Jane
3047 (1968) My Maria / Jamaica Girl
3063 (1968) Jeder kommt einmal wieder / Denver Colorado
3088 (1968) Mein grünes Tal / Baby Discothek
3104 (1969) Nachts / Ein Girl in Idaho
3145 (1970) Noch einen Drink für den Weg / Marion
3217 (1971) My Life and my Home / Linda Lou
5014 (196?) Monja / Baby Discothek
BASF 10 208 (1972) Monja / Cindy Jane
11 767 (1973) Linda Lou / My Life and my Home
Columbia 30 358 (1972) In Saintes-Maries-de-la-Mer / Aranjuez (& Irving Voices)
Bellaphon 100-05-004 (1977) Monja / Cindy Jane
Acanta 10.208 (1977) Monja / Cindy Jane
Titan 0149 (1988) Tanja / Tanja (Instrumental)
Central Music 1001-2 (????) Wer zahlt die Zeche / Immer ran

LPs

Label Nummer Jahr Titel
Cornet 15 027 (1969) Mr. Monja
Bellaphon 220 05 024 (197?) Monja - mein Leben