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(Juni 1998)

Soubrette Trude Stemmer tanzte und sang auch mit Marika Rökk und Richard Tauber auf der Bühne

Von Peter Krassa

Wer weiß, wie sich ihre künstlerische Karriere, die so vielversprechend auf den "Brettern, die die Welt bedeuten" begonnen hatte, weiterentwickelt hätte - wäre da nicht jener verhängnisvolle "Ausrutscher" gewesen, der letzten Endes die himmelstürmende Bühnenlaufbahn der tänzerisch hervorragenden Soubrette Trude Stemmer vor 33 Jahren mit einem Schlag erheblich bremste. Zum Glück aber nicht endgültig beendete.

Ausgerechnet bei der umjubelten Premiere der Heinrich-Strecker-Operette "Der ewige Walzer" im September 1964 im Wiener Raimundtheater, passierte es: Bei einer besonders schwungvollen Tanzszene kippte Trude Stemmer um und zog sich eine dermaßen böse Knieverletzung zu, daß sie damals gezwungen war, ihre Hauptrolle in diesem musikalischen Stück abzugeben. Zwar erholte sich die Künstlerin nach und nach von ihrem Mißgeschick - mit dem Tanzen war es aber ein für allemal vorbei. Selbst heute - so viele Jahre nach diesem tragischen Vorfall - muß die jetzt 66-jährige beim Stiegensteigen sehr achtgeben, um ihr "böses Knie" nicht übermäßig zu belasten.

Trude Stemmer hatte bereits als Siebenjährige eine profunde Ausbildung in einem Kinderballett erhalten. Aber schon vorher hatte sie ihre (zum Glück aufgeschlossenen) Eltern, sowie die gesamte Verwandtschaft mit ihrer bemerkenswerten tänzerischen Begabung begeistert: "Ich steppte nämlich wirklich gut", erinnert sich meine Gastgeberin, die ich in ihrem Wiener Domizil, im 20. Bezirk, besuchte. Von klein auf hatte sich die gebürtige Wienerin den berühmten Hollywood-Kinderstar Shirley Temple zu ihrem großen Vorbild erkoren, und vor zehn Jahren sich sogar ihren größten Wunsch erfüllt, mit der späteren US-Botschafterin mal zu korrespondieren.

Trude Stemmer, Geburtsjahrgang 1931, besuchte dann in den Jahren zwischen 1950 und 1952 - wie es sich für eine angehende Künstlerin gehörte - die Wiener Staatsakademie für Musik und darstellende Kunst und schwärmt noch heute von ihrem wahrlich "hochkarätigen" Pädagogen Professor Hubert Marischka sowie dem Opern- und Operettenkomponisten Rudolf Kattnig. Nach der Absolvierung der Akademie, deren Prüfungen Trude Stemmer mit Auszeichnung abzuschließen vermochte, ging es - den Start ihrer Bühnenlaufbahn betreffend - überraschend flott voran. "Ich erhielt nämlich sofort ein Engagement an das Tiroler Landestheater in Innsbruck, wo ich schöne Rollen an der dortigen Opern- und Operettenbühne spielen durfte", erzählt mir die Künstlerin. Besonders stolz ist sie darauf, daß sie zusammen mit Marika Rökk und Richard Tauber auf der Bühne stehen durfte...

1956 holte man sie dann nach Deutschland, in das Ruhrgebiet. "Dort hätte ich, so ich es gewollt hätte, wahrscheinlich ein Leben lang spielen können", erinnert sich Trude Stemmer, die aber viel zu unternehmungslustig gewesen war, um sich an ein Theater für immer zu binden.

Es "verschlug" sie schließlich in das sogenannte "Dreiländereck", wo sie zunächst im schweizerischen Basel landete. Am hiesigen Stadttheater erkannte man sehr bald das vielseitige Talent der jungen Frau. "Ich spielte dort Hauptrollen in dem berühmten Cole-Porter-Musical 'Can Can' sowie in der De-Falla-Oper 'La vita breve', wo ich die später berühmte Sängerin Grace Bumbry zur Partnerin hatte", kramt meine Gastgeberin in ihrem Erinnerungskästchen. Zwischenzeitlich gab Trude Stemmer auch Gastspiele bei der Konkurrenz: "Da gab es Hauptrollen in der Basler 'Komödie', und zwar in Jacques Offenbachs 'La Perichole' sowie in Arthur Honeggers Opernwerk 'König Pausole'".

Inzwischen war auch die bekannte Schweizer Theateragentur Grabowski auf die ambitionierte Künstlerin aus Wien aufmerksam geworden, Sie verpflichtete Trude Stemmer für eine umfangreiche Tournee kreuz und quer durch das deutschsprachige Gebiet. Aber auch in Wien wirbelte die vielseitige Soubrette über die Bühne, und in Berlin war kein Geringerer als der umschwärmte Opern- und Operettentenor Rudolf Schock der auch von ihr bewunderte Partner. Die verschiedenen Engagements führten das musikalische Multitalent bis in das französische Elsaß, und irgendwann meldete sich bei Trude Stemmer auch das Fernsehen. Dort sah man sie dann gemeinsam mit Karl Farkas, Paul Hörbiger oder Heinz Conrads am Bildschirm - und noch mit vielen anderen prominenten Künstlern. Besonders dankbar erinnert sich meine Gastgeberin jedoch an Alexander Pichler: "Er war mein kongenialer Regisseur in Innsbruck am Beginn meiner Laufbahn, und ihm, der ja selbst ein gefeierter Tenor auf der Bühne gewesen war (er ist vor einiger Zeit leider gestorben), - verdanke ich ganz wesentlich das 'A und O' meiner erfolgreichen Operettenkarriere".

In Tirol lernte die Künstlerin übrigens auch ihren Mann (den Journalisten und Schriftsteller Gerhard R. Steinhäuser) kennen. Aus dieser glücklichen Ehe (Steinhäuser verstarb leider 1989) entsprossen zwei (bereits erwachsene) Söhne: Xandl und Juppi.

Aber auch in älteren Jahren blieb Trude Stemmer aktiv. Über mehr als drei Jahrzehnte betreute sie - gemeinsam mit dem damaligen Intendanten und Dirigenten Eduard Macku sowie dessen Gattin, der Sängerin Vera Swoboda, - die Sommerfestspiele in Ischl, und noch heute leitet sie Operettengastspiele der Arbeiterkammer in Niederösterreich. Ab 25. Dezember ging Trude Stemmer wieder auf Tournee. 20 Tage gastiert sie als "komische Alte" in Kalmans "Csardasfürstin", und führt dabei auch Regie. Sie ist selbst in ihrem siebten Lebensjahrzehnt ein unverwüstliches Theaterblut geblieben - mit Leib und Seele...