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(März 1998)
"Sieben einsame Tage" brachten ihr Erfolg:
Illo Schieder wurde am 18. Dezember 75 Jahre
"Illo Schieder ist eine Frau, die man nicht übersieht. Sie ist aber in erster Linie eine Sängerin, die man nicht überhört", wirbt die Plattenfirma Polydor 1954 für ihren neuen Star. Für Illo Schieder, die mit dem Lied "Sieben einsame Tage" einen Senkrechtstart in der deutschen Schlagerszene schafft. "Das Lied war für mich wie ein warmer Regen", erinnert sich die Sängerin noch heute, die Zeit ihrer Karriere mit ihren "molligen Pfunden" kokettiert hat, über 40 Jahre später an ihren ersten Hit.
Allgemein gilt das Lied als erste Schallplatte der am 18. Dezember 1922 in Essen geborenen Sängerin. Tatsächlich wurde es am 4. Oktober 1954 im Münchener Bavaria-Tonstudio in der Schornstraße aufgenommen. Produzent war Kurt Feltz, begleitet wurde der neue Polydor-Star von Max Greger und seinen Solisten.
Verschwiegen wird in späteren offiziellen Biographien, daß Illo Schieder bereits am 10. Juli 1954 erstmals für Polydor ins Studio ging. Und zwar ins Studio Lankwitz in Berlin, wo sie vom RIAS-Tanzorchester unter der Leitung von Werner Müller begleitet wird. Sigrid Volkmann sitzt auf dem Produzentensessel, als Illo Schieder die Titel "Junge Männer sind zum Küssen da" und "Wie kann man nur so lügen?" aufnimmt. Sollte der letztere Titel ein Omen für die späteren offiziellen Biographien sein?
Das wäre sicherlich nicht im Sinn von Illo Schieder, deren Grundsatz es ist "nicht auf schön zu singen, sondern beim Singen ehrlich zu bleiben". Dabei kann sie schön singen, die füllige Illo, die als Ilse-Lotte Dissmann das Licht der Welt erblickte. Die als 18jährige ihre Eltern, den Essener Fabrikbesitzer Friedrich Dissmann und dessen Ehefrau Else, mit der Ankündigung schockt: "Ich werde Opernsängerin". Die Eltern sind natürlich entsetzt, doch Ilse-Lotte, die damals schon "Illo" gerufen wird, meint es ernst. Mit 19 Jahren kehrt sie dem gutsituierten Elternhaus den Rücken, fährt nach Salzburg und besteht am dortigen Mozarteum die Aufnahmeprüfung.
Ihr Ziel ist es, in der "Met" in New York oder in der weltberühmten "Scala" in Mailand auf der Bühne zu stehen und mit ihrem Koloratursopran die Opernfreunde zu begeistern. Doch der Krieg macht einen Strich durch die Jungmädchenträume der jungen Essenerin, als die Salzburger Musikhochschule schließen muß.
Sie kehrt zu ihren Eltern, mit denen sie sich inzwischen ausgesöhnt hat, zurück. Sie lernt ihren Ehemann Ernst Schieder kennen, den sie 1946 heiratete. Die Ehe hält ganze zwei Jahre. "Aber wir sind ein Leben lang Freunde geblieben", versichert Illo Schieder 1997. 1950 fesselt sie ein schwerer Sportunfall 18 Monate ans Krankenbett. Als sie aus der Spezialklinik in Bad Tölz entlassen wird, zieht sie in eine kleine Wohnung mitten in Münchens Altstadt nach Schwabing.
Ab sofort spielt die Musik wieder die Hauptrolle im Leben der lebenslustigen jungen Frau. Schwabinger Kneipen sind ihre Bühnen, auf denen sie ihre Zuhörer begeistert. Ohne Gage. Von Oper ist längst nicht mehr die Rede, Jazz und Schlager sind angesagt. Bald schon hat sie einige junge Musiker um sich geschart, hat also praktisch eine eigene Band.
Mutig und selbstbewußt meldet sie sich beim Bayerischen Rundfunk mit ihren Jungs zu einer Mikrophonprobe. Sie wird auch eingeladen und darf spät nachts eine Kostprobe ihrer Sangeskunst geben. Nachdem sie ausgesungen hat, schütteln die Rundfunkleute die Köpfe, wünschen ihr viel Glück außerhalb des öffentlich-rechtlichen Radios. Sie halten von Illos Gesang offenbar nichts.
Die indes läßt sich nicht entmutigen, tourt weiter durch die Schwabinger Kneipen. Und bekommt bald sogar Gage: 40 Mark für jeden Auftritt. "Bei vier Auftritten pro Abend waren das immerhin 160 Mark, für damals ganz schön", rechnet die Sängerin 1997 nach. Neben dem Szene-Treff "Bei Gisela", wo nicht nur die Chefin Gisela Jonas auf der kleinen Bühne singt, ist bald auch das "P 1" neben anderen Kneipen Illos Stammbühne. Und hier hört sie Anfang 1954 jemand, der den Münchener Bandleader Herbert Beckh auf sie aufmerksam macht. Der hört sich Illo Schieder an... und bestellt sie zu Probeaufnahmen in dasselbe Funkhaus, in dem sie ein Jahr zuvor "durchgefallen" ist...
Die Probeaufnahmen fallen so gut aus, daß sofort zwei Titel mit dem Beckhschen Orchester produziert werden. Einer davon ist "Sailors Boogie", der bald darauf mehrmals täglich aus den bayerischen Radios in die Wohnungen der Schlagerfans kommt. Das Lied wird ein richtiger kleiner Hit für die junge Sängerin. Irgendjemand aus dem Münchener Funkhaus gibt der Plattenfirma Polydor in Hamburg einen "heißen Tip" auf die neue Stimme, die Millionen Radiohörer begeistert. Ob es Herbert Beckh war oder Fred Rauch, der mit dem von ihm moderierten Wunschkonzert des Bayerischen Rundfunks die Schlagerszene im Alpenland maßgeblich mitformt, weiß Illo Schieder nicht mehr. Tatsache ist, daß Polydor-Chef Kurt Richter persönlich in das "P 1" kommt, sich Illo Schieder anhört und sofort einen Termin zur Vertragsunterzeichnung in Hamburg festmacht.
"Fred Rauch ist damals mitgefahren und hat mich beraten. Man bot mir einen Vertrag an, nach dem ich 300 Mark pro gesungenen Titel bekommen sollte", kramt Illo Schieder in ihren Erinnerungen. Fred hatte ihr aber auf der Fahrt an die Elbe von einem derartigen Vertrag abgeraten. Mit viel Geschick und durch Zeichensprache mit Fred Rauch bei den Verhandlungen unterstützt, schließt sie schließlich einen Vertrag ab, der ihr prozentuale Beteiligung in Form von Lizenzen zusichert. Schon bei ihrer zweiten Platte sollte sich das auszahlen...
"Illo hat eine Stärke, die gleichzeitig ihre Schwäche ist: Sie liebt zündende und swingende Melodien, die sie frisch, frech und frei von der Leber weg singt", wirbt nach dem "Sieben-Tage-Hit" ihre Plattenfirma für die inzwischen schwergewichtige Sängerin, die voll zu ihrem Gewicht steht und gar keine "Superfigur" haben will. Auch als der Film sich meldet, denkt sie nicht im Traum ans Abspecken. "Ball im Savoy", "Hurra, die Firma kriegt ein Kind" oder auch "Besuch aus heiterem Himmel" sind einige der Filmtitel, in denen Illo Schieder vor der Kamera gestanden hat. "Die meisten Filme waren ausgesprochener Käse, daß ich mich fast geschämt habe, da mitzumachen", sagt sie heute. Egal, damals ist der Film für die Plattenfirmen ein wichtiges Medium, um die eigenen Aufnahmen dem Publikum nahezubringen, und die Stars müssen sich fügen.
Nach dem Auslaufen des Vertrages bei Polydor wechselt Illo Schieder 1959 zur Electrola. Mit "Teenager-Mamie" gelingt ihr ein Einstand nach Maß. Am 16. Februar 1962, um 12.30 Uhr, wie es das Aufnahmeprotokoll ausweist, produziert Heinz Gietz mit ihr im Electrola-Studio am Maarweg in Köln einen Titel, der ihr förmlich auf den Leib geschrieben ist: "Ich bin rund und gesund". Daß dieser Titel später auch für eine führende deutsche Miederwarenfabrik als Werbesingle eingesetzt wird, stört die füllige Illo überhaupt nicht. "Dieses Lied hört man heute noch oft als Untermalung in Fernsehsendungen, wenn es um Dicke geht", freut sie sich...
Nach Auslaufen des Electrola-Vertrages bietet ihr Horst-Heinz Henning bei "Bella Musica" eine neue Chance. "Damals entstanden meine wohl künstlerisch schönsten Lieder, die sich aber leider nicht verkauft haben", erinnert sich Illo Schieder. Finanzielle Streitigkeiten führten schließlich zur Trennung. Ab Ende der 60er Jahre schafft sie sich ein zweites Standbein. Statt Tagesschlagern kommen Chansons in ihr Repertoire. Chansons von Fritz Grasshoff, Erich Kästner, Kurt Tucholsky und anderen. Um diese Lieder vorzutragen, braucht sie kein großes Orchester, sondern nur einen guten Pianisten.
Anfang der 70er Jahre kehrt Illo Schieder Deutschland den Rücken. Sie zieht in ein Ferienhaus in Alicante, das sie sich 1960 gekauft hat. Sie eröffnet dort ein Cafe, das sich zu einem Restaurant mausert, und, nachdem einige Appartements dazugekommen sind, sogar eine kleine Pension wird. Von diesem, ihrem kleinen spanischen Glück, erzählt sie im Mai 1981 ihren Sangeskolleginnen und -kollegen, als Lou van Burg zur Evergreen-Gala unter dem Motto "So schön wie heut" in die Dortmunder Westfalenhalle eingeladen hatte.
Ein Jahr später kehrt sie Spanien den Rücken und zieht nach Velen bei Borken im Münsterland. Es war nicht das Heimweh, das sie trieb, sondern die Liebe zu ihrer Mutter. Sie wollte sie, die ein Pflegefall geworden war, nicht anderen Leuten überlassen. Kurzentschlossen holt sie sie aus dem Altersheim zu sich und umsorgt sie, bis sie 1995 im Alter von 97 Jahren für immer die Augen schließt. Dem Showgeschäft hat Illo Schieder für immer den Rücken gekehrt. In einer Sendung des Hessischen Rundfunks Ende 1994 verabschiedete sie sich von der Live-Bühne. Zu ihren alten Schlagern steht sie immer noch: "Sie sind ein Teil meines Lebens", sagt sie. Und zwar ein ganz wichtiger...
Liebe Illo Schieder, auch von dieser Stelle: Herzlichen Glückwunsch nachträglich, alles Gute und vor allem Gesundheit für die Zukunft!!!